Spezielle Themen
Glücksspielsucht
Beim pathologischen Glücksspiel oder der Glücksspielsucht handelt es sich nicht um ein neues Phänomen. Schon Dostojewski vermochte das Leid eines Spielsüchtigen in seinem Roman „Der Spieler“ intensiv zu beschreiben.
Insgesamt ist von einer erheblichen Zunahme der Fälle auszugehen. Bei einer hohen Dunkelziffer muss wohl von wenigstens 25.000 bis 120.000 beratungs- und behandlungsbedürftigen Glücksspielern in Deutschland ausgegangen werden, entsprechend einem Anteil von 0,09 bis 0,15 % in der Bevölkerung. Sicher ist nicht jeder, der mal an Geldspielautomaten spielt oder Wetten auf der Pferderennbahn abschließt, süchtig. Wie auch bei anderen Abhängigkeiten ist der Übergang von Missbrauch zur Sucht fließend. So wie auch bei anderen Süchten partizipiert der Staat an der Sucht. Der Aufbau von Kasinos wird von den Städten teils vehement betrieben (selbstverständlich unter dem Aspekt der Steuereinnahmen).
Die Möglichkeit, sich und die Familie finanziell zu ruinieren, ist auch bei vermeintlich harmlosen Geldspielapparaten in Glücksspielhallen gegeben. Ein Umsatz von DM 96,00 pro Stunde ist möglich. Oft ist zu beobachten, dass Spieler auch gleichzeitig an mehreren Geräten spielen. Die Möglichkeit, sich in Kasinos finanziell zu ruinieren, ist bekannt.
Parallell zum Größerwerden des Problems entstanden in Deutschland Therapieangebote.
Wie auch bei stoffgebundenen Süchten besteht auch beim Glücksspiel eine jahrhundertelange Tradition. Das Würfelspiel ist seit mehr als 2000 Jahren bekannt. Später verbreiteten sich Kartenspiele. Das Roulette ist seit 1700 bekannt. Immer wieder kam es zwischenzeitlich zu Glücksspielverboten und Wiedergenehmigungen.
Gemäss Suchthilfebericht Schleswig-Holstein 1995 muß im Lande von 8000 betroffenen Menschen ausgegangen werden. Parallel zur Entwicklung neuer Technologien nimmt das Spekulieren mit Aktien zu, ebenfalls die zunehmende Verbreitung von PC-Terminals, um Wertpapiere in sekundenschnelle kaufen und verkaufen zu können. Die Gefahr, sich hier finanziell zu ruinieren, ist sehr groß. Die gesellschaftliche Wertung der Glücksspielsucht ist höchst unterschiedlich. Während das Spielen in Glücksspielhallen eher mit minderprivilegierten Personen in Verbindung gebracht wird, ist das Spielen im Kasino verbunden mit Vokabeln wie Oberschicht und Reichtum.
Glücksspielen beinhaltet Risiko, Reiz, Wagnis und Gewinn. Glücksspielsucht ist verbunden mit Zwang und Verzweiflung sowie Ruin und nicht selten Selbstmord.
Die Umsätze auf dem Glückspielmarkt (ohne Soziallotterien) beliefen sich 1997 auf rund 44 Milliarden DM. Mit dem Spiel an Geldspielautomaten wurden 1997 schätzungsweise 11 Milliarden DM umgesetzt. In Deutschland bestehen mehr als 40 Spielbanken, neue Kasinos sind geplant. In Schleswig-Holstein gibt es Spielkasinos u. a. in Westerland, Kiel und Travemünde.
Wie auch bei anderen Suchtverhalten gibt es auch im Bereich der Glücksspielsucht Merkmale der Abhängigkeit wie:
Häufigkeit der Inanspruchnahme, Zunahme des Denkens an das Spiel, Kontrollverlust, Auftreten von Abstinenzerscheinungen, Dosissteigerung und Mehrfachabhängigkeit.
Im Kreis Rendsburg-Eckernförde kann insgesamt von ca. 750 Betroffenen gesprochen werden, die Dunkelziffer liegt erfahrungsgemäß weit höher. Nur in Einzelfällen wenden die Betroffenen sich an Beratungsstellen. Nicht selten finden sie den Weg, nachdem sie vorher strafrechtlich aufgefallen sind (Beschaffungskriminalität), zur Beratung und Therapie.
Erste Anlaufstellen sind im Kreis die Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen. Auf die stationäre Behandlung Glücksspielsüchtiger hat sich die Fachklinik Nordfriesland spezialisiert.
Im Allgemeinen gilt, dass Spielsüchtige überwiegend erst im Stadium massivster Bedrängnis eine professionelle Behandlung beginnen. Die weltweit bekannteste Selbsthilfevereinigung der Glücksspieler ist Gamblers Anonymous (GA). Sie wurde 1957 in Los Angeles gegründet. In Deutschland entstanden 1982 unter den Namen „Anonyme Spieler“ die ersten Gruppen, die das amerikanische Selbsthilfekonzept bekannt machten. Leitprinzipien und Programme wurden von den Selbsthilfegruppen Alkoholkranker übernommen. Übergeordnetes Therapieziel ist die völlige Abstinenz, d. h. ein glücksspielfreies Leben. Eine Besonderheit sind Gruppen, denen Mitglieder ihre finanziellen und sozialen Schulden offenzulegen haben. Eine vollständige Änderung der Werte und Gewohnheiten wird verlangt. Es ist hier festzustellen, dass ein erheblicher Teil der exzessiven Glücksspieler in den bekannten Gruppen nicht die erwartete Hilfestellung findet. So hat sich in Amerika mit S.M.A.R.T. recovery ein neues Selbsthilfenetzwerk entwickelt. Diese Gruppen stehen auch denjenigen offen, die (noch) nicht zu einem suchtmittel-
freien Leben bereit sind und z. B. lediglich ein maßvolleres Glücksspielverhalten anstreben. Schwerpunkte sind Förderung der Motivation zur Abstinenz, Bewältigung des Drangs zum Suchtmittel, Problemlösung mittels der ABC-Methode (Activating event, beliefs, consequences) und Lebensstil-Entwicklung. Ziel ist, die Kompetenzen des Individiums zu stärken und der Versuch, Abhängige zu halten, wirksam zu verlernen.
Essstörungen
Zur Definition:
Unter dem Oberbegriff Essstörungen werden zwei wichtige und eindeutige Symptome beschrieben: Anorexia nervosa und Bulima nervosa. Weniger spezifische bulimische Störungen wie Essattacken bei anderen psychischen Störungen werden ebenfalls häufig diagnostiziert und gehen meist mit starkem Übergewicht einher.
Essstörungen sind vornehmlich eine Frauenkrankheit. Bei der Magersucht (Anorexia nervosa) steht das "Hungern" im Mittelpunkt der Erkrankung. Die untere Gewichtsgrenze anorektischer Frauen bewegt sich je nach Körpergröße zwischen 30 und 40 Kilo Körpergewicht (15 bis 20% unter dem erwarteten bzw. nie erreichten „normalen„ Gewicht /gleich einem Bodymaß-Index von 17,5 und weniger; der Gewichtsverlust ist selbst herbeigeführt). Es besteht trotz Untergewicht eine starke Angst vor dem Dickwerden, eine Körperwahrnehmungsstörung und Amenorrhoe bei Frauen.
Bei der Bulimia nervosa kommen zum "andauernden Beschäftigten mit dem Essen", neben sogenannten "Essattacken", selbst herbeigeführte Versuche, der Kalorienaufnahme des Körpers entgegenzusteuern (durch Erbrechen, Einnahme von Appetitzüglern usw.), hinzu. Während der Fressanfälle besteht ein Gefühl des Kontrollverlustes. Es besteht eine andauernde übertriebene Beschäftigung mit Figur und Gewicht.
Essattacken führen zu überdurchschnittlich hohem Körpergewicht (BodyMaßIndex/BMI über 30), zeigen sich in übermäßig schnellem Essverhalten ohne eine körperliches Hungergefühl zu haben. Übermäßiges ständiges Essen oder Fressattacken können auch eine Reaktion auf belastende Ereignisse sein. Trauerfälle, Unfälle, Operationen und emotional traumatisierende Ereignisse und deren Verarbeitung führen zu einem schweren „reaktiven Übergewicht„, insbesondere bei zur Gewichtszunahme prädisponierten Personen. Daneben gibt es Zwischenformen und phasenspezifische Erkrankungen (z.B. die „Pubertätsmagersucht“).
Zur Epidemiologie
Zur Epidemiologie von Essstörungen werden im „Jahrbuch Sucht 98„ der DHS (Deutsche Hauptstelle gegen Suchtgefahren) folgende Zahlen genannt:
- Anorexia nervosa (Magersucht) 0,2-2% (ca. 95% aller Erkrankten sind weiblich)
- Bulimia nervosa (Ess-Brechsucht) 2-4% (ca. 90% aller Erkrankten sind weiblich)
- Essattacken bei anderen psychischen Störungen mit Adipositas (Esssucht)
- 9-25% (geringfügig häufiger bei Frauen)
Die Umrechnung dieser epidemiologischen Angaben auf Schleswig-Holstein ergibt folgendes Bild: Bezogen auf die weibliche Bevölkerung wären 100.000 bis 285.000 Mädchen und Frauen im Alter von 14 – 65 Jahren betroffen. Für den Kreis Rendsburg – Eckernförde wären das mindestens 10.000 Betroffene – weit mehr, als im „Drogenhilfeplan für Schleswig-Holstein“ aus dem Jahr 1990 angenommen wurde – mit steigender Tendenz.
Die Zuordnung von Essstörungen im Behandlungssystem ist nicht eindeutig geklärt. Bulima nervosa und Essattacken weisen von ihrem Erscheinungsbild, ihrer Symptomatik her auf der phänomenologischen Ebene Parallelen zu Suchterkrankungen auf. Anorexia nervosa geht häufig mit frühen strukturellen Störungen einher, die eine hohe Affinität zu den Grundstörungen bei Suchterkrankungen aufweisen. Merkmale von Essstörungen, die suchtspezifischen Charakter aufweisen:
- Kontrollverlust (bei Magersucht könnte man davon sprechen, dass eine Unfähigkeit, mit dem Hungern aufzuhören, besteht)
- Essen bzw. Hungern dient der Spannungsabfuhr (innere, emotionale und momentane Entlastung) und Depressionsabwehr
- Essen bzw. Hungern wird zum Lebensmittelpunkt (zwanghafte Konzentration auf dieses Verhalten, ständige gedankliche Beschäftigung, Vernachlässigung anderer Interessen usw.)
- Eine Form der „Ersatzbefriedigung“
- Selbstschädigung (bewusstes, zwanghaftes Ausführen von Handlungen, die den Körper schädigen)
- Mehrfachabhängigkeit liegt häufig vor (die Formen der Essstörung gehen häufig ineinander über, chronischer Verlauf der Erkrankung, Komorbidität nicht selten, andere Suchtformen stehen häufig in einem engen Zusammenhang)
Zur Versorgungssituation im Kreisgebiet
Im ambulanten Bereich steigt ständig die Nachfrage nach Beratung und Behandlung. Durch die unklare Zuordnung im Versorgungssystem (Suchterkrankung? Psychiatrische Erkrankung? Psychosomatische Erkrankung?) werden Zuständigkeiten nicht eindeutig geklärt. Die Versorgung der Erkrankten und Behandlung der Erkrankung bewegt sich im Dreieck Psychiatrie-Sucht-Psychosomatik. Unter-schiedliche Segmente des Versorgungssystems sind mit der Problematik beschäftigt. Eine klare Versorgungsstruktur existiert insofern noch nicht. Betroffene finden oft erst über Umwege und mehr oder wenig zufällig den Weg zu kompetenten Hilfsangeboten.
Prävention
Präventive Angebote im Hinblick auf die Verhinderung von Essstörungen sind erst im Aufbau begriffen und werden i.d.R. von den Beratungsstellen ausgehend mit „Betroffenen„ geleistet. Daneben bietet die Droge 70 im Rahmen der geschlechts-spezifischen Prävention Veranstaltungen an.
Beratung
Für die Beratung von essgestörten Menschen, die Förderung der Motivation, die Förderung der Krankheitseinsicht usw. stehen bislang keine ausgewiesenen Beratungskapazitäten zur Verfügung. Die Ev. Suchtberatungs- und Behandlungsstelle Rendsburg (Träger: Kirchenkreis Rendsburg) hat sich dieser Problematik seit Jahren angenommen und bietet neben der Einzelberatung auch eine Indikationsgruppe an. In 1999 wurden 48 Frauen beraten. Diese Arbeit findet im Rahmen des Gesamtkonzeptes statt und erfährt bisher keiner besonderen Bezuschussung. Dasselbe gilt für die Psychosoziale Beratungsstelle des Diakonischen Amtes Eckernförde (Träger: Kirchenkreis Eckernförde). Dort wurden in 1999 24 essgestörte Frauen beraten.
Zu den Aufgaben von Beratung:
- Klärung der Indikationsstellung und Vermittlung in stationäre Behandlung (Re-habilitation bzw. Psychotherapie) oder ambulante Psychotherapie
- Förderung und Stabilisierung der Therapiemotivation
- Aufarbeitung vorausgegangener Therapieabbrüche
- Überbrückung der Wartezeiten
- Abklärung der Hintergründe und Beratung vor geplanten chirurgisch-plastischen Eingriffen
- Beratung von Angehörigen
- Unterstützung und Förderung von Selbsthilfepotentialen und –Initiativen
Krisenintervention
Behandlung
Niedergelassene psychiatrische und psychotherapeutische Praxen haben hier einen Versorgungsauftrag. Diese Angebote sind eher hochschwellig. Psychotherapeutische Gruppenangebote niedergelassener Psychotherapeutinnen sind im Kreisgebiet nicht bekannt.
Selbsthilfe
Es existieren ganz vereinzelt Ansätze zur Bildung von Selbsthilfeinitiativen. Diese bedürfen einer ständigen Förderung und Unterstützung. In Rendsburg gibt es die Gruppe "Ess-oh-Ess", die aus einer Indikationsgruppe der Beratungsstelle hervorgegangen ist. Die Einrichtung der Brücke Rendsburg-Eckernförde, KIBIS, unterstützt diese Initiativen.
Teilstationäre, stationäre und sozialpsychiatrische Einrichtungen
Wir haben mit der Implementierung einer Psychiatrie im Kreiskrankenhaus die notwendigen Voraussetzungen für eine vollstationäre Versorgung. Diese können allerdings erst zum Tragen kommen, wenn die komplementären Angebote vernetzt zur Verfügung stehen. Teilstationäre Einrichtungen (Tagesklinik, Wohngruppen usw.) sind vorhanden.
Eine psychosomatische Abteilung hält die Psychiatrie allerdings nicht vor. Die hier zuständigen Fachkliniken (in Bad Bramstedt und Bad Malente) haben Wartelisten.
Ausblick
Es besteht dringender Handlungsbedarf im Hinblick auf die Ausweitung der ambulanten Kapazitäten für Beratung und ambulante Gruppenbehandlung (die Methode der Wahl) innerhalb des ambulanten Suchthilfesystems.
Nikotinsucht
Im Rahmen neuerer Erhebungen konnte herausgefunden werden, dass bei Personen zwischen 18 und 59 Jahren ca. 43 % der Männer und 30 % der Frauen rauchen. Die überwiegende Mehrheit (mehr als 70 %) rauchen zwischen 5 und 20 Zigaretten pro Tag, ca. 20 % konsumieren mehr als 20 Zigaretten täglich. Zwischen 30 bis 40 % der Raucher stellen ernsthaft die Überlegungen an, mit dem Rauchen aufzuhören und ca. 25 % haben in den letzten 2 Jahren versucht, das Rauchen aufzugeben. Prädiktoren für den Raucherstatus sind u. a. Erwerbslosigkeit, Geschiedene sowie spezielle Berufsgruppen wie Taxi- und Fernfahrer sowie Bauarbeiter.
Im Jahr 1999 wurden für 41,2 Milliarden DM Tabakwaren gekauft, die Ausgaben waren somit gegenüber dem Vorjahr um 5,9 % gestiegen. Insgesamt wurden 145 Milliarden Zigaretten im Jahre 1999 gekauft, 5 % mehr als im Vorjahr.
Die Tabaksteuer ist nach der Mineralölsteuer die wichtigste Verbrauchssteuer und insgesamt die siebt wichtigste Einnahmequelle des Staatshaushaltes. Im Jahre 1999 wurden 22,8 Milliarden DM Steuern eingenommen.
Volkswirtschaftlich ist festzuhalten, dass die Kosten für Invalidenrenten durch Rauchen ca. 8 Milliarden DM betragen, makabrerweise durch den früheren Tod von Rauchern auch erhebliche jährliche „Einsparungen“ bei den Renten festzustellen sind. Fehlzeiten am Arbeitsplatz bei Rauchern sind manifest gegenüber Nichtrauchern erhöht, auch durch Rauchpausen wird die Produktivität des Arbeitstages gesenkt.
Jährlich sterben in Deutschland zwischen 90.000 und 140.000 Raucher an den langfristig entstandenen Gesundheitsschäden durch Tabakkonsum. Statistisch verliert jeder Raucher ca. 8 Jahre seines Lebens.
Die Rolle des Passivrauchens, insbesondere bei Kindern, spielt eine große medizinische Rolle. Neugeborene rauchender Mütter weisen ein erheblich geringeres Körpergewicht auf. Zusätzlich ist das Risiko für den plötzlichen Kindstod erhöht. Die Entwicklung von Atemwegserkrankungen ist gegenüber dem in nichtrauchenden Familien erhöht.
Es ist festzustellen, dass sich die Anzahl der Raucher in den letzten 5 Jahren kaum verändert hat. Die Erfolge durch Gruppenentwöhnungsbehandlung sowie der Einsatz von Medikamenten muss durchaus kritisch betrachtet werden. Problematisch ist insbesondere auch das Rauchen bei Jugendlichen, da bekanntermaßen Nikotin die Einstiegspforte für illegale Drogen ist. Neben weiterer Einschränkung der Werbung müsste insgesamt eine Ächtung dieses Suchtmittels, ähnlich wie in den USA, erfolgen, um wenigstens Teilerfolge zu erzielen.
Illegale Drogen
Unter „illegalen Drogen“ versteht man alle Stoffe, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Besonderer Bedeutung kommen dabei aufgrund ihrer Wirksamkeit und Verbreitung den Substanzen Heroin („Diacetylmorphin“), Cannabis („Tetra-hydrocannabinolen“) und Ecstasy („MDMA“) zu. Die Prävalenz liegt bei Cannabis - Konsum bei Jugendlichen in der Bundesrepublik bei ca. 20 bis 25 %, d. h., dass ca. 1/5 bis ¼ aller Jugendlichen mindestens einmal Cannabis konsumiert/ausprobiert haben. Erfahrungen mit Heroin haben ca. 0,6 % der Bevölkerung im Alter von 18-39 Jahren. Der Konsum von Ecstasy hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Nach einer Studie der Landesstelle gegen die Sucht-gefahren Schleswig-Holstein aus dem Jahr 1999 haben in Schleswig-Holstein ca. 5 % der befragten SchülerInnen (alle Schultypen, 12 bis 24 Jahre alt) schon einmal Ecstasy probiert. Diese Zahl stimmt mit bundesweiten Untersuchungen überein.
Aufgrund des „Beschaffungsdruckes“ bei sogenannten „harten illegalen Stoffen“ kommt es neben der eigentlichen illegalen Handlung (Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz) häufig zu Diebstählen, unerlaubter Prostitution und anderen Delikten. Der Zwang, die hohen Preise zahlen zu können, führen neben dem Drogenkonsum selbst häufig zu Verelendung und einem Kreislauf aus Drogenkonsum, Kriminalität usw.
Der Beschaffungszwang führt auch dazu, dass die Süchtigen in die Ballungszentren ziehen und sich damit der sozialen Kontrolle überschaubarer Gemeinwesen entziehen. Für den Wirtschaftsraum Rendsburg schätzt die Kriminalpolizei die Anzahl der intravenös Heroinabhängigen auf ca. 200 bis 300 Personen, für das Kreisgebiet wird diese Zahl auf 750 bis 800 hochzurechnen sein. In 1999 hatten die Suchtberatungsstellen der Kirchenkreise Rendsburg und Eckernförde und der Brücke Rendsburg-Eckernförde zu 158 Heroinabhängigen Kontakt. Der Schwerpunkt der Betreuung, Beratung, Vermittlung und Behandlung liegt dabei im Wirtschaftsraum Rendsburg.
Das Betäubungsmittelgesetz sieht das Prinzip „Therapie statt Strafe“ vor und will eher die profitorientierten Händler bestrafen als die Abhängigen selbst.
Etwa 15 % der Heroinkonsumenten gelten nach Aussagen des Kreisgesundheitsamtes als HIV positiv, ca. 60 bis 70 % sind mit Hepatitis C infiziert. Die Infektion erfolgt über gemeinsam benutztes Spritzbesteck („needle-sharing“) und sexuelle Kontakte. Bei einer Chronifizierung und einem Ausbruch der eigentlichen Viruserkrankung (bei ca. 50 % aller Infizierten im Langzeitverlauf der Fall) erkranken die Betreffenden an unheilbarer Leberzirrhose.
In 1997 tauschte die Ev. Suchtberatungs- und Behandlungsstelle 4000 neue gegen 4000 alte Einwegspritzen, in 1998 stieg diese Zahl auf 18 000, in 1999 auf 22 000. Mit dem Spritzentausch (im Kreisgebiet die einzige Anlaufstelle) wird versucht, Zugang zu dieser Klientel zu bekommen und die weitere Verbreitung von Infektionskrankheiten zu verhindern.
Im Kreisgebiet werden zurzeit ca. 60 mit dem Ersatzmedikament Methadon bzw. Polamidon behandelte Heroinabhängige ambulant psychosozial betreut. Die substituierenden Ärzte sind in einem Qualitätszirkel zusammengeschlossen und treffen sich einmal monatlich in der Ev. Suchtberatungsstelle, die diese Arbeit seit einigen Jahren federführend übernommen hat. Teilstationäre Betreuung wird von der Brücke Rendsburg-Eckernförde geleistet. Hier besteht eine enge Zusammenarbeit und Vernetzung im Hilfesystem.
Niedrigschwellige Hilfen (z. B. „Junkiefrühstück“) werden zurzeit ausschließlich in Rendsburg, mit der vermutlich höchsten Dichte an illegal Abhängigen im Kreisgebiete, angeboten.
Stationäre Entgiftung bietet das Kreiskrankenhaus Rendsburg/Psychiatrie im illegalen Bereich bedingt an (Kontingent auf Station 83, methadongestützter Entzug im Einzelfall möglich.
Ambulante Betreuung, teil- und vollstationäre Versorgung werden von der Brücke Rendsburg-Eckernförde und der DASI vorgehalten.
Ambulante Beratung bieten das Gesundheitsamt, die Suchtberatungsstellen der Kirchenkreise Eckernförde (nördliches Kreisgebiet) und Rendsburg (mittleres Kreisgebiet) und die Brücke Rendsburg-Eckernförde (südliches Kreisgebiet), ambulante Behandlung die Suchtberatungsstelle des Kirchenkreises Rendsburg an.
Ausblick
Die jetzigen Kapazitäten bei der psychosozialen Betreuung substituierter Heroin-abhängiger reichen bei weitem nicht aus, ebensowenig die Zahl der substituierten niedergelassenen Ärzte. Um eine „Drogen-Arzt-Praxis“ im Kreisgebiet zu vermeiden, ist es notwendig, dass sich noch mehr Allgemeinmediziner dieser Klientel annehmen. Die Zahl der substituierten Suchtkranken ist stark steigend, zumal die Eingangsvoraussetzungen für dieser Art der Therapieform/Behandlung erleichtert wurden.
Im niedrigschwelligen Bereich wäre der weitere Ausbau (Notschlafbetten, praktische Überlebenshilfen usw.) in den „Problemzentren“ wünschenswert.
Eine „Originalstoffvergabe“ (Heroinvergabe an Schwerstabhängige) soll in einem Modellprojekt im Bundesland Hamburg demnächst erprobt werden. Die Erfahrungen dieser Studie sollten abgewartet und dann im Hinblick auf eine Übertragbarkeit diskutiert werden.
Das Land Schleswig-Holstein sollte seine „Ausgleichsfunktion“ wahrnehmen und seine Förderrichtlinien den veränderten Bedarfen in der Region anpassen, sodass eine landesweit angemessenere und gleichmäßigere Versorgung im Bereich "ambulante Suchthilfe für illegal Abhängige" erreicht werden kann.
Alter und Sucht
Im Jahr 2035 werden ca. 25 % aller Bundesbürger über 60 Jahre alt sein. Bei über 60jährigen geht man davon aus, dass bis zu 4 % alkoholkrank und bis zu 10 % medikamentenabhängig sind.
Unter drei Aspekten muss differenziert werden:
Eine nicht geringe Zahl von Suchterkrankten erreicht das Rentenalter und
persistiert eine chronische Suchterkrankung mit häufiger Komorbidität bei
zunehmendem Alter
Ein nicht geringer Anteil der Betroffenen im fortgeschrittenen Alter wurde mit
dem Eintritt in das Renten-Pensionalter suchtkrank aufgrund des Wegfalls
sozialer Bindungen und evtl. traumatischer Erfahrungen (Wegfall des
Partners), aufgrund einer Selbstwertkrise (Wegfall des Arbeitsplatzes) usw.
Die dritte Kategorie bezieht sich auf alte Menschen, die aufgrund von
anderen Symptomen sekundär von Suchtmitteln abhängig werden, z. B. durch
eine chronische Medikamentierung mit suchtbildenden Substanzen (iatrogene
Suchtentwicklung)
Die Bedeutung von Missbrauch und Abhängigkeit im Krankheitsbild älterer Menschen ist lange unterschätzt worden. Heute geht man davon aus, dass Sucht die dritthäufigste psychische Erkrankung im Alter ist. Vorrangige Drogen sind Psychopharmaka mit teilweise hohem Abhängigskeitspotential und Alkohol.
Neuere Untersuchungen sehen den Alkoholmissbrauch bei den über 60-Jährigen in einer Größenordnung von 8 - 14 % bei den Männern und 1 - 2 % bei den Frauen.
Aus Krankenkassendaten geht hervor, dass z. B. bei der Verordnungsmenge von Tranquilizern mehr als 20 % der Patienten als bereits abhängig oder stark abhängigskeitsgefährdet eingestuft werden müssen. Dieses betrifft vornehmlich weibliche Patienten.
Um dieses Problemfeld im Rahmen der Suchthilfe abzudecken, gilt es zunächst Kontakte aufzubauen, zu pflegen und zu intensivieren.
Partner sind Einrichtungen, die mit Altenarbeit und Altenpflege befasst sind, aber auch die alten Menschen selbst sind einzubeziehen (die Mitarbeit von Selbsthilfegruppen, Seniorenbeiräten usw. könnte hier vorteilhaft sein).
Sucht und Psychose
Das Thema Doppeldiagnose „Sucht und Psychose“ ist in den letzten Jahren zunehmend erörtert worden.
Psychotische bzw. andere psychiatrische Störungen spielen eine bedeutende Rolle bei der Entstehung, Aufrechterhaltung oder Beendigung der Sucht.
So kann z. B. eine Psychose durch Suchtmittelkonsum ausgelöst oder die Abhängigkeit als Bewältigungsstrategie genutzt werden, um die durch die Psychose empfundenen Beeinträchtigungen zu mildern.
Akute Psychosen sind oft so dominierend, dass die Suchtanteile in den Hintergrund gedrängt werden, obwohl u. U. bereits eine pathologische Suchterkrankung vorliegt.
Menschen mit einer Doppeldiagnose gehören zum „schwierigen Klientel“. Es kommt oft zu chronifizierten Krankheitsverläufen mit immer wiederkehrenden Klinikaufenthalten. Um der Komplexität der Erkrankung Rechnung zu tragen, entwickelten die Fachkliniken Heiligenhafen und Schleswig ein spezielles Therapiekonzept.
Auch das Psychiatrische Zentrum Rickling sowie das Heinrich-Sengelmann-Krankenhaus in Bargfeld-Stegen halten Spezialstationen für PatientInnen mit der Doppeldiagnose „Sucht und Psychose“ vor.
Im „Psychiatrieplan 2000“ des Lande Schleswig-Holstein wird im klinischen Bereich das Bestehen der Angebote landesweit als ausreichend angesehen.
Im nichtklinischen Bereich der Nachsorge gibt es für den Kreis Rendsburg-Eckernförde keine Spezialeinrichtung (wie z. B. die vollstationäre Nachsorgeeinrichtung in Schleswig mit 12 Plätzen).
Es werden lediglich integrative Angebote, d. h., Mitversorgung in bestehenden Einrichtungen, vorgehalten.




